Ein Versuch über das Schließen langer Zyklen

Präpositionen einer Analysemethode für die digitalen kritschen kollektiven Kartographien. Vom Finden einer Überleitung von TransforMap zu Intermapping.

im April und Mai 2018

Die Ausgangslage ist denkbar schwierig. Da wir außerhalb bekannter institutioneller Rahmen operieren, gibt es keine vorgefertigten Strukturen, die uns dabei helfen Kategorienfehler zu vermeiden. Wollen wir die gemeinsame Spekulation zu Ende denken, gilt es nicht nur einige, sondern alle Kategorienfehler zu identifizieren. Im Kollektiv handeln wir aus, welchen der Bedürfnisse dabei Willen zugewandt wird.
Dieses gerichtete Handeln erfährt im empfindsamen Miteinander ihre haptische Verkörperung. Das prozedurale Aufflackern eines emergenten Gedächtnis' beschenkt uns mit einer Empfindung von Zeitlichkeit, die Ungewissheiten trotzt. Im beschreibenden Gestus hinterlassen wir Abdrücke von Räumen in Räumen, und finden in ihnen zwischenzeitlich Ruhe. Wie ein Verständnis dessen der Selbstkartierung eines Kartierungsprozesses dienlich sein kann, berührt folgender Text.

Im Zuge der Abfassung einer Einladung zu einer Schreibwerkstatt von TransforMap stellte sich die Frage nach den Vorbedingungen des digitalen kritischen kollektiven Kartierens. Durch die sich fortwährend aktualisierende Situation entstand häufig der Eindruck, unsere Bezugsrahmen wären beliebig. Dies sind sie mitnichten, oftmals beinahe ethisch. Jedoch suchen sie ihre Gründe nicht in einer deterministisch missverstandenen newtonschen Physik von positiven Setzungen, sondern suchen mit Nachdruck und Gespür die Leerstellen auszufüllen, welche wir in langer Gewohnheit gekonnt umschiffen lernten. Der Ton dieses Textes ist bewusst axiomatisch gewählt und entbehrt im Interesse der Leserlichkeit häufig möglicher Referenzen. Die Herleitung der zur vorliegenden Organologie führenden Pfade sei verschoben. Interessieren wir uns nun ein wenig für die Formulierung vertretbarer Ausgangspunkte unserer Untersuchung.

Kategorienfehler

Was wissen wir über das, was wir missverstehen?

Wir betreiben eine kollektive Art aktivistisch-schöpferischer Forschung und Entwicklung. Wollen wir dabei einen klaren Blick wahren, dann sollten wir uns in der Kunst der klaren Unterscheidung üben. Denn es geschieht nicht selten, dass wir das eine für das andere halten und dabei versäumen, den eigentlich zwingenden Schritt der Überprüfung zu gehen. Wir könnten uns nun dahingehend konditionieren, dass wir in bestimmten Situationen innehalten, um Kategorien auf Tauglichkeit abzuklopfen, wahrgenommene Muster auszuprobieren oder Projektfortschritte mit eigenen Erfahrungen abzugleichen. Das erleichterte gewiss das gegenseitige Verständnis!

Diese Herangehensweise impliziert, dass nicht die Vorstellung (Imagination) abschließend bestimmt, was wir wie tun werden. Es ist vielmehr die Rede von einem zwischenmenschlichen Prozess des sich aufmerksamen Vorantastens, der immer wieder neue Präzedenzfälle in die Welt bringt, die wir sorgsam prüfen können. Ein solcher methodischer Ansatz produziert Inseln der gedanklichen Ruhe, von denen neuerdings ausgegangen werden kann.

Zwischenstück: Soeben im Hinterhof des Transition Hauses Witzenhausen ein schönes Anagram aufgefangen, das die intrinsische Faltung von Erfahrung und Erkenntnis scheinbar treffend illustriert.

B E G R E I F E N
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F R E I G E B E N

Dazu wurden diese Bonmots gereicht:

  • begreifen
    Wenn ich etwas verstanden habe, dann ist es schon vorbei. Auch brauche ich es nicht mehr, da is in mich übergegangen ist.
  • freigeben
    Nun stellten sich die Fragen: Was, an wen, und wofür?

Erst nachdem wir probierend unsere Erfahrung aktualisiert haben, können wir Abstraktion wagen oder gar in spekulative Simulation übergehen. Umgekehrt vorzugehen und mit der abstrakten Schlussfolgerung zu beginnen brächte Simulationsszenarien hervor, die sich dann gerne wie Wahnvorstellungen verhalten und ihr Eigenleben entwickeln. Deshalb ist Vorsicht geboten. Schon beim leisesten Verdacht, dass sich Annahmen auf Annahmen stapeln und Metaabstraktionen entstehen, ist es gesünder zurückzutreten und erneut zu betrachten, worum es eigentlich geht.

Im Alltag machen wir ständig Annahmen darüber, was gegenwärtig Priorität hat. Ihren Einfluss auf die Verlagerung unserer Aufmerksamkeit üben sie im ständigen Widerstreit mit sammelnder Konzentration aus. Nicht zuletzt lehrt uns die Aufmerksamkeitsökonomie nicht verschwenderisch mit Kontemplation umzugehen, und erfordert schnell sichtbare Erfolge: Release early, and release often, und Perfect is the enemy of done. Im Gegenzug ist das Vorhandensein dieser Annahmen schlicht eine Folge postfordistischen Gesellschaftens, und keine Ursache im strengen Sinn. Dies bedeutet Verlagerungen der kollektiven Aufmerksamkeit üben Macht auf den Diskurs aus, und ihre Beweggründe sind zugänglich und können verstanden werden.

Wenn wir also den falschen Verständnisschlüssel als Maßstab anlegen, können wir nur unbrauchbare Ergebnisse erhalten. In der Einzelfallbetrachtung liegt die Erfahrung begründet, nicht in homogenisierender Angleichung von gewünschten Ergebnissen. Wie sich die Befähigung zur Sorge, unsere Vorstellungskraft, ergebnisoffen und bereichernd in den Alltag einweben ließe, wäre zu ihrer Rehabilitation in einem anderen Text aufzuzeigen. Es genügt zu behalten, dass jeder Behauptung eine Prüfung vorausgeht, und, in ähnlicher Weise dieser Methode folgend, daran angeknüpft werden kann.

Merke: Immer schön ruhig bleiben und immer schön eins nach dem anderen. Mensch kann nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun.

Und: Eine Metametaebene gibt es nicht. Sie kann gegebenenfalls eingespart werden.

Intentionalität

Warum geschieht überhaupt etwas, und nicht vielmehr nichts?

Wenn es einen gemeinsamen Nenner der transformierrenden Alternativen gibt, dann eine wesentliche Übereinkunft auf die Bedürftigkeit aller Lebewesen. Als sich sorgendes Tier begegnen wir dieser Lage mit fürsorglichem Handeln, nicht nur unseren Mitmenschen, sondern der gesamten Ökosphäre gegenüber.

Andere haben treffendere Worte dafür gefunden:

Moser, M. (2013): Bedürftigkeit. In: ABC des guten Lebens. Eine postpatriarchale Ethik. Rüsselsheim.

Für uns bedeutet dies, dass wir uns nur gegenseitig unterstützend zeigen können, wenn wir den sanften Intuitionen wie auch den kleinen Emotionen ihren Raum lassen wollen. Wir brauchen uns gegenseitig, um den großen Erfahrungssprung zu wagen.

In strenger Abweisung von naturalistischen Schlüssen bleiben wir stets wachsam, dass sich in unsere Absichten keine Kategorienfehler dieser und anderer Art einnisten. Das Werkzeug für diese Weise der Unterscheidung wird gemeinhin Vernunft genannt, und ist, zu recht bei einseitiger Fokussierung auf deren kognitiven Anteil an unserem Sein, unlängst in Verruf geraten. Um aber nicht gleich den nächsten Fehler zu begehen, diese Kategorie pauschal auszuschließen, dürfen wir uns weiterhin fragen wie mit Logik im Spannungsraum zwischen deterministischem Positivismus und chaotischer Komplexität weiter umgegangen werden kann.

Wenn wir die verständnsstiftende Kapazität des Denkapparates für die Gestaltung von Lebenswelten nicht ausschließen möchten, tun wir gut daran diesen entsprechend zu füttern. Mit den jahrhundertealten Wissenssystemen der Neuzeit kommen wir nicht mehr weiter, als bis zur Zerstörung des Lebens auf Erden. In der Etablierung alternativer, schonender Lebensweisen sind wir darauf bedacht auch das mentale Rüstzeug mit zu entwicklen, um gute Werkzeuge wie vernünftiges, ruhiges Denken zu leben und beispielhaft weiterzutragen.

Oftmals lässt sich diese Diskussion auf die Frage zurückführen, ob wir einen freien Willen haben. Warum wir diese Frage mit ja beantworten können, sei von anderen ausgeführt:

Hartmann, D. (2005): Willensfreiheit und die Autonomie der Kulturwissenschaften. S. 20. In: e-Journal Philosophie der Psychologie. Wien.

Aus Sicht der Kartierung lesen wir heraus, dass wir unterscheiden lernen können zwischen angenommenem das muss so und praktiziertem das sollte so. Empirische Gesetze wurden nicht ohne Grund so genannt. Ihnen ist sich nicht zu widersetzen. Jede Windung und Krümmung verstärkt nur die eigene Pein. Jedoch hilft es denen sie zu kennen, welche die Räume betreten wollen, in welchen sie keine Wirkung zeitigen.

Wenn wir nun in Annahme der beiden vorausgegangenen Argumente zu Bedürftigkeit und Vernunft davon ausgehen können, dass Menschen (1) einander zur gegenseitigen Fürsorge bedürfen und (2) bewusst nach Absichten handeln, dürfen wir uns nun so weit herauslehnen und ihnen Verantwortung für ihre Taten zuschreiben?

Solch eine äußere Setzung würde diejenigen irritieren, die ethische Regelsysteme als starre Gebilde auffassten, und nicht als in Aushandlung befindliche Fluidität. Demzufolge wäre keine Verantwortung zu übernehmen, wenn nicht die handelnde Person, noch eine dritte, einen sonstwie gearteten Anspruch mit der wahrnehmbaren Wirklichkeit abgleichen würde. Auch die Einforderung und Übernahme von Verantwortung sind ein Vorgang, einer der Handlungswillen und ad hoc Impulsivität erfordert. Er ist kein statischer Zustand, der unabhängig von äußeren Einflüssen fortbesteht, sondern sich ebenfalls lediglich durch wiederholte Übung fortschreibt.

Nun sind wir als soziale Wesen hinlänglich auf das Leben in Bezugsgruppen vorbereitet. Ließe sich aus der Zugehörigkeit zu einer solchen auch die Möglichkeit der Übernahme von Verantwortung für Dritte herleiten? Wer trifft letztlich in der Gruppe Entscheidungen, und für wen? Um nicht das Individuum vereinzelt mit ihrem freien Willen dastehen zu lassen, leiten wir aus der (2) gelebten Fürsorge für die (1) gegenseitigen Bedürfnisse ab, (3) dass es eine aufeinander Bezogenheit gibt, die in gegenstrebiger Fügung einen Gruppenzusammenhalt schafft.

Die internationale Diskussion nennt das kollektive Verantwortung:

Smiley, M. (2017): Collective Responsibility. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy. Stanford.

Verantwortung wird nicht einzig nur in der ersten Wortbedeutung von als moralisch Handelnde den Schmerz in der Welt kausal zu verantworten verstanden, aber auch in der zweiten Lesart als den Grad an Schuldigkeit gegenüber anderen für diese Kausalitäten verantwortlich zu sein. Die Verantwortung wird hier nicht dem Individuum zugeschreiben. Es werden Gruppen betrachtet. Von denen wäre zu zeigen welche kollektiven Handlungen Auswirkungen zeigen, die einer moralischen Einschätzung der übernommenen Verantwortung bedürfen.

Wir lenken den Blick auf das Agieren einer Gruppe als Ganzes, und verlagern damit die Horizonte und Einschränkungen, mit welchen sich üblicherweise ein vereinzeltes Individuum gegenüber sieht. Die Grenzen verschwimmen und weit hergeholte Perspektiven werden für alle Teilnehmenden greifbar. Es läge demzufolge an den Gruppensituationen, welche wir herbeiführen, wie wir in ihnen unsere Wissenräume vergrößern und komplizierte Zusammenhänge verdaulich durchdeklinieren können. Letztlich kann sich aus diesen auch ein kollektiver Schatz an Anekdoten, geteiltem Wissen und geflügelten Worten speisen, was wieder den inneren Zusammenhalt stärkt.


Verkörperung

Wie durchdringen wir die Welt?

Im Vorangegangenen stellten wir ein Primat der Praxis über die Erklärung fest, welches uns noch häufig wiederbegegnen wird. Die Praxis ist die Inkraftsetzung des eigenen, gebürtlichen Willens zum in die Welt bringen neuer Formen und Gestalten. Sie ist hierbei jedoch lediglich die mit Bedeutung aufgeladene, wahrgenommene Äußerung unserer physischen Aktivität.

Die Empfindsamkeit der lebendigen Wesen steuert die Beweggründe für zielgerichtetes Handeln bei. In bewussterer Ausprägung kennen wir die Empfindsamkeit bereits als Bedürftigkeit. In beschreibenden Darstellungen lässt sie sich nicht begreiflich machen. Sie ist ein emergentes Phänomen, das den Körper in vielerlei Qualitäten durchdringt und das Bewusstsein über die Außen- und Innenwelten der individuellen Verkörperungen verbindet. Die Erfahrung der Materialität verleiht der eigenen Haltung Gleichgewicht und die Festigkeit der Dinge selbst bietet zusätzlichen halt. Wenn sie ins wanken geraten, bewegen wir uns mit. Aus der transitiven Körpererfahrung bildet sich das Verständnis von Räumlichkeit aus.

Nun wandeln nicht nur einige wenige Lebewesen über diesen Planeten, und allen sind Erfahrungen der materiellen Welt zugänglich. Sie nehmen demzufolge an einer verteilten Kognition der Ökosysteme teil. In einem Ökosystem beteiligte Metabolismen übernehmen verschiedene Funktionen in ihrem Biotop. Über die Zeit sedimentiert ein Schatz an Erfahrungen, welcher in Form von physischer Manipulation oder biochemischer Zustände für spätere Generationen vorgehalten wird. Der Oikobolismus verfügt über eine Gedächtnisfunktion, die alle Teilhabenden gleichermaßen tragen.

Zeitlichkeit

Wann zeitigen sich bedeutsame Momente und Prozesse?

Durch die Erinnerungen unserer Gedächtnisse wird Zeit erfahrbar. Sie ist ein Inhärenzphänomen. Zeit wird empfunden, produziert und gelebt, kann jedoch nicht direkt als Beobachtungsobjekt nachgewiesen werden. Ihr wirken ist der Kontinuität der Momente inhärent. Diese Sequentialität setzt einen Moment stets fort, eingebettet in den Fluss der Ereignisse. Verfolgen wir diese Flüsse über die Zeit, erkennen wir sie als Prozess.

Werden einzelne Momente erfahrbar, treten sie aus diesem Fluss hervor und werden als Ereignisse wahrgenommen. Damit einzelne Eindrücke verbleiben, spleißen wir eine ganzheitliche Körpererfahrung auf und führen zur Unterscheidung der Vorgänge voneinander Diskontinuitäten ein. Wenn die Dinge gegenläufig sind, und nicht zeitlich korrellieren, aber durch andere Bedeutungsgeflechte verbunden durch andere Momente fortbestehen, sprechen wir von Asynchronität.

Diese Intervalle von einander zuordbarer Aktivität treten häufig in Rythmen auf, die eine zyklische Periodizität aufweisen. Die Abfolge von intentionalen Handlungen entspringender, beobachtbarer Ereignisse schafft ein Verständnis von Prozeduralität, welches semantische mit temporalen Bezügen verbindet. Das vereinzelte Ereigniss wird in wiederholbare Kontexte eingebettet und dadruch seiner Individualität enthoben.

Geschehen solche Bezüge zeitgleich, sprechen wir von Simultaneität. Die Rythmen haben sich auf einander eingeschwungen, oder ihre Phasen überlagern sich nur kurzzeitig, womöglich immer wieder, bevor sie sich wieder verschieben. Gelingt es ihre eigene Oszillation mit jener der sie umgebenden Dinge in Resonanz zu halten, gehen wir in Momentaneität auf und entpersonalisieren das Sein. Überpersonelle Zusammenhänge werden erfahrbar und wir nehmen mit anderen teil am Fluss der Zeit.


Ungewissheit

Worauf sind wir dabei nicht gefasst?

Wenn hingegen durch Unachtsamkeit und Übersprungshandlungen freimütig Auslassungen entstehen, übergehen wir unschuldigerweise die Erfahrungen der Generationen vor uns, und wiederholen unwissend deren Missverständnisse. Wir kommen nicht umhin die Unvollständigkeit und Begrenztheit unserer Erfahrung anzunehmen, wenn wir uns den Unsicherheiten und Komplexitäten der Lebenswelt ausliefern. Wachsamen staunend begegnen wir dem Risiko, gewiss auch beizeiten falsch zu liegen, aber das macht nichts. Die Kunst läge darin mit kleineren Schritten auch vermindertes Risiko aufkommen zu lassen.

Die alltäglichen Paradoxien und Widersprüche, zwischen denen wir uns bewegen, öffnen den Raum zur Veränderung. In ihnen befinden sich die Spielräume, in welchen noch Ungesagtes verweilt, noch Unbesehenes geschieht und das Offensichtliche zu Tage tritt. Wie oben über die Zugänglichkeit regelfreier Räume beschrieben, tun wir gut daran die wenigen Regeln zu finden und zu kennen, von denen unsere Ambitionen abhängen. In der Beschreibung unterschiedlicher Zugänge an die Formulierung unserer gemeinsamen Interessen, und aus deren erst daraus ersichtlicher Differenz, erkennen wir dann die Möglichkeitsräume, in denen wir uns gemeinsam bewegen mögen.

Bisweilen liegt im Zwischenmenschlichen eine Stimmung in der Luft, die uns weitere Anknüpfpunkte nahelegt, denen wir uns unabsichtlich verweigern. Diese menschliche Geste entgeht angenommenem Schmerz. Mit kleineren Versuchen, und probierender Übung entgehen wir der Fehlannahme den Verlauf der Dinge vorhersehen zu können und äußern uns stattdessen im Gestalten lebenswerter Umgebungen.

Schrift

Wozu hinterlassen wir Eindruck in der Welt?

Die hinterlassenen Abdrücke auf der Erdoberfläche dessen was da kreucht und fleucht zu verstehen ist die Motivation der Geographie. Sie zeichnet nach, in welcher Weise räumliche Beziehungen sowohl gestaltend, als auch einschränkend wirken. Versteht sie sich darin ihre Erfahrung in eine diagrammatische Bildsprache zu überführen, nennen wir sie auch Kartographie. In der Karte werden die Texturen von Aktivitäten außerhalb ihrer Zeitlichkeit als Diagram sicht- und erfahrbar.

Durch das Medium der Schrift ordnen wir unsere sprunghaften Gedanken an, und können sie umsortieren, beliebig rekombinieren und in eine Form bringen. Die zweidimensionale Fläche zwischen Abszisse und Ordinate stellt ein orthogonales Koordinatensystem dar. Da Zeichensysteme eine Leserichtung aufweisen, lassen sich durch die horizontale und vertikale Positionierung der Zeichen Anordnungen schaffen, die durch ihre Reihenfolge semantische Kontexte transportieren.

Die Schrift als Werkzeug in sozialer Verwendung ist erst seit grob 7.000 Jahren bekannt. Aus geologischer Sicht ist sie eine noch sehr junge Kultur- und Mnemotechnik. Ebenso wie die Menschen erzählen auch Landschaften in ähnlicher Weise von ihren Geschichten; aber nur denjenigen, die darin geübt sind ihren Text zu lesen. Was wir lernen, ist sich den vielen Erzählweisen zu öffnen und in kollektiven Denkräumen aufzuhalten. Womit sich der Distanz in Raum und Zeit ein Schnippchen schlagen lässt! Das Schreiben als Praxis emanzipiert sich von oralgeschichtlichem Hörensagen durch die Beständigkeit, die es einer Intention verleiht.

Wir verwenden Darstellungen verschiedener Arten, um aufzuzeichnen, was wir weitertragen möchten. Nebenbei geschehen Inskriptionen auch passiv im Vorübergehen einer Situation. Was als Aufzeichnung gelesen werden kann, sind die Residuen metastabiler Konfigurationen, deren Muster sich der Entropie widersetzen und Stabilität finden. Welchen Mustern wir auftrieb verschaffen und wie wir uns geben entscheidet maßgeblich darüber, welcher Austausch möglich wird. Unsere Befähigung einander zu verstehen und die Möglichkeit uns für einander einzusetzen beruhen wesentlich darauf, wie klar und deutlich wir uns an einander teilhaben lassen.

„Das Denken muss durch das Nadelöhr der Schrift.“

Übrigbleibsel

Diese Punkte biete ich an im Hinterkopf zu behalten, wenn wir über digitale kritische kollektive Kartographien sprechen. Sie dienen als Ausgangslage für die Beschreibung und Rahmung der vernetzenden Situation, die wir uns herbeiführen. Sie bilden lediglich einen der möglichen Ausgangspunkte für die Erörterung der weiterführenden wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Themen um TransforMap. Auf sie zurückzukommen kann in schwer entscheidbaren Momenten hilfreich sein, um wieder klar zu erinnern, wovon die Rede ist.

Da wir die Freiheit haben andere, kontingente Wahrheiten zuzulassen, erübrigt sich das Festhalten an Gewohntem. Es ist die buchstäbliche Einladung sich unkartiertes Land zu erschließen und abzulassen von ausgetretenen Pfaden. Wir betreten Neuland, und fügen so unseren kleinen Welten hier und da neue Facetten hinzu. Aber wir brauchen dabei nicht zu vergessen, was unzählige von Generationen schon vor uns für uns gelernt und geleistet haben. Picken wir uns das Beste heraus und besehen die Dinge mit neuen Augen.